Backwaters

Der Aufenthalt in den Backwaters

Nachdem wir die letzte Nacht mehr oder weniger gut aufgrund des Stadtlärms durchschlafen konnten, nahmen wir ein kurzes Frühstück zu uns. Jörg war extra vorher noch zum Bäcker gelaufen, um für uns und speziell für sich selbst leckeren Kuchen zu organisieren. Leider konnten wir nicht nachvollziehen, wie viel Stück er auf dem Rückweg zu unserer Unterkunft bereits verzerrt hatte.
Gegen 10 Uhr sollte es mit gepackten Rucksäcken in Richtung Backwaters gehen, wo wir den Tag und eine Nacht verbringen wollten. Zuvor musste natürlich noch ein Gruppenfoto mit unserem netten Gastgeber Matthew gemacht werden. Anschließend hieß es, Nerven behalten beim Reinpressen der vier Rucksäcke inklusive des Handgepäcks und eine passende Zusammenstellung einer halbwegs ertragbaren Sitzordnung bei den unterschiedlichen Körpergrößen und der barbarischen Wärme in Matthews kleinem Suzuki Swift zu finden. Aber irgendwie ging es, mit ausgehangener Rücksitzbank, Rucksack auf dem Schoß und offenen Fenstern auf der Rücksitzbank, die Fahrt halbwegs zu ertragen. Jörg wollte wie gewohnt auf der Beifahrerseite einsteigen und ist gleich mal auf der Fahrerseite gelandet - LINKSVERKEHR! Der Irrtum wurde schnell geklärt.
Dann fuhr uns Matthew sicher, unter seltener Benutzung der Hupe, im Gegensatz zu anderen Verkehrsteilnehmern, bis zu den Backwaters und wir stiegen in einen ca. 80 cm breiten und 10 Meter langen Kahn ein, was durchaus eine wacklige Angelegenheit war. Durch den Bootsmann wurden wir sicher an das andere Ufer zu dem Hausboot "EDEN" geschippert, wo die Crew, bestehend aus drei Männern, uns bereits erwartete.
Das Hausboot - ein Traum. Zwei Kabinen mit separatem Bad-Dusche-WC (europäischer Standard) und ein Deck, auf dem man erholen und entspannen konnte. Am hinteren Teil befand sich die Küche für den Chefkoch. Die Crew war von Anfang an sehr hilfsbereit. Wir bezogen unsere zwei Zimmer und verabschiedeten uns von Matthew, der uns am nächsten Tag wieder abholen wollte. Dann hieß es erst mal relaxen auf dem Deck, während uns Josef in Richtung des Bootrennens fuhr und Shamal das Essen bereitete. Das "Bootrace" ist ein jährliches Highlight, wo ca. 65 Teams aus ganz Indien und auch aus dem Ausland mit ihrem Kanu eine Wegstrecke von 1350 m zurücklegen müssen. Dabei sitzen zwischen 40 bis 105 Inder paarweise hintereinander in einem Kanu und müssen im Takt mit anderen Booten um die Wette paddeln. Die ganzen Bewohner der Backwaters sowie eine unzählige Menge an Besuchern aus dem Umland sowie Ausland waren dort versammelt einschließlich Funk und Fernsehen.
Auf dem Boot kamen wir uns am Anfang ein wenig wie Kolonialherren vor, die durch die Backwaters von ihren Angestellten geschippert und beköstigt wurden und die links und rechts beobachten konnten, wie die Inderinnen ihre Wäsche wuschen, die Inder miteinander diskutierten oder der Körperhygiene nachkamen bzw. konnten wir ihre Häuser von außen sehen. Die Wohnungen sind so groß wie die Lauben in Gärten, also nicht sehr geräumig und recht klein gehalten. War schon ein komisches Gefühl.
In der Zwischenzeit wurde für uns ein ausgiebiges Mahl, bestehend aus gebratenem Fisch aus dem Fluss, Bohnen, Beilage mit Ginger, aufgeschnittene Tomaten und Reis vorbereitet, was sich beim Essen als sehr bekömmlich und schmackhaft erwies, aber auch eine gewisse Schärfe besaß.
Nach dem Mittag gegen 13:00 Uhr ankerten wir in der Nähe der Ziellinie, nachdem wir einige Teilnehmer des "Bootrace" während unserer Fahrt an den Ufern beobachten konnten, wie sie in Richtung "Start" paddelten. Am Zieleinlauf kochte die Stimmung bereits. Eine Lautstärke an Menschengeschrei und Musik war zu vernehmen und aus dem Radio der Bootscrew plärrte der Radiomoderator auf Hindi bei 140 db 200 Wörter pro Minute. An der Ziellinie konnte man den Kameraschwenkarm erkennen, der genau verfolgte, welche der vier Mannschaften als erste mit ihrem Boot das Ziel durchfuhr.
Vor allem für unsere Crew war das Bootrennen sehr spannend, da die Verwandtschaft mit an Bord eines Kanus fleißig am Paddeln und Gewinnen war. Wir mussten miterleben, wie zwei Boote mit 105 Mann an Bord abgluckerten. Fragt sich nur, wie die herausfinden wollen, wer von den vielen Insassen einen falschen Paddelschlag gemacht hat.
Nach dem Bootrace ging es mit einem Hup-Konzert, was uns bis tief in die Nacht begleitete, wieder auf "hohe" See. Aber hupen tut in Indien eh jeder gern, laut und viel, da gewöhnt man sich dran.
Nach einem leckeren Abendmahl (Chicken, Reis, Bohnen, Naan, Ananas) wollten wie die Besatzung zu einem Bier einladen, aber die Crew durfte nicht, da sie ja arbeiteten. Als Jörg in der Bordküche die Crew einladen war, da haben die doch tatsächlich schnell die Flasche hochprozentigen verschwinden lassen. Aber der "alte Fuchs" hat das natürlich sofort gerochen und den Jungs die Flasche "XXL-Rum" aus dem Kreuz geleiert. Aber die war schon leer - Schade.
Dafür hatte der Rum die Zunge des Kapitäns gelockert und so setzten sie sich doch noch zu uns und wir haben sie über Gott und die Welt zu und über Indien ausgefragt. Ein schöner Abend mit netten Leuten. Da es hier schon um 19 Uhr dunkel wurde, sind wir dann auch gegen 22 Uhr in die Kojen gefallen. Die Crew schlief auf dem Deck verteilt - einer in der Kombüse, der andere auf dem Gang und der Dritte auf dem Deck in der Nähe des Steuers.
Aber die Nacht war kurz, denn früh halb sechs wollte unbedingt der Moscheevorsteher allen Leuten in den Backwaters sein Dasein bekunden und so wurde lautstark der Tag begrüßt und alle waren wach. "Der frühe Vogel fängt den Wurm!"
Nach einem ausgiebigen Frühstück schipperten wir durch die Backwaters in Richtung Ausgangspunkt, wo Matthew uns erwartete, um uns zur Busstation zu bringen. Während der letzten Seemeilen sammelten wir noch einige Eindrücke und unsere Jungs konnten sich während dessen als Steuermann probieren. Unter anderem fuhren wir an einem kleinen Haus eines Crew-Mitgliedes vorbei, wobei bemerkt werden muss, dass seit 14 Tagen in den Backwaters Hochwasser herrscht. Scheint aber keinen so direkt zu stören, dass viele hier ziemlich abgeschnitten leben und mehr oder weniger nur noch per Radio erfahren, was draußen in der weiten großen Welt passiert.
Nach einem langsam verhallenden Urschrei von Andrea, der in sämtliche Winkel der Backwaters gelangte und für die jungen indischen Schulmädels die Erheiterung des Tages gewesen sein muss, die sich sehr an unserer Art und Weise, ein schmales Kanu mit Rucksäcken auf den Rücken zu besteigen und dabei fast zu kentern drohten, amüsierten (Schlagzeile: "Touristen in den Backwaters bei Kanubesteigung ertrunken") und einer herzhaften Verabschiedungszeremonie von unserer Crew, ging es wieder in Richtung City - Busstation, wo wir uns auch von Matthew verabschiedeten und uns für alles bei ihm bedankten.
An der Busstation hatten wir dann die Wahl zwischen dem schnellen und dem langsameren Bus nach Kottayam. Aber Zeit ist ja bekanntlich Geld und glücklicher Weise waren auf der Rück-sitzbank noch vier Plätze für uns im schnellen Bus frei. Also, nix wie rein. Nachteil war nur, dass ich während der Fahrt den Kopf einer schlafenden älteren Inderin abfangen musste, der aufgrund der Holperpiste des Öfteren aus seiner sicher liegenden Position verrutschte und irgendwo anzu-schlagen drohte. Aber die Inderin juckte das nicht. Na ja, für 2 € war das alles schon erträglich, auch die Straße, von der auf Grund des vielen Schlamms nicht wirklich viel zu sehen war bzw. wir mehrfach aus den Sitzen gehoben wurden und unsere Steißbeine einiges abhalten mussten.